Interview mit Andreas Maurer

aus Idea Spektrum 2013

Andreas Maurer, Sie sind gelernter Maschinenbau-Ingenieur. Wie kam es, dass sie heute als Islam-Experte tätig sind?.

Ich habe meinen gelernten Beruf eigentlich sehr gerne gemacht. Von meinem Arbeitgeber bekam ich eines Tages ein Angebot, in den USA zu arbeiten. Das war eine attraktive Gelegenheit. Ich hätte mich allerdings für einige Jahre verpflichten müssen. Die Entscheidung habe ich mir gut überlegt und darüber gebetet. Ich fühlte mich dann aber für die Missionsarbeit berufen. Also kündigte ich und ging mit meiner Familie nach England an eine Bibelschule.

Dort sind sie dann mit dem Thema Islam in Berührung gekommen?

Ja, es wurde ein freiwilliger Kurs über den Islam angeboten. Ich war neugierig, und so schrieb ich mich ein. Dabei kam ich zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung. Vorher wusste ich überhaupt nichts über den Islam. Das war 1982. Es gab noch relativ wenige Muslime in der Schweiz. Die moslemische Theologie hatte mich aber zunächst abgeschreckt, denn die einzelnen Richtungen im Islam sind sehr kompliziert. Am Schluss betete ich: «Herr, schick mich irgendwo hin in die Mission, nur nicht zu den Muslimen.»

Dann wurde mir aber bewusst, dass ja nicht ich Muslime bekehren kann. Gott will einfach, dass wir uns ihm zur Verfügung stellen und ein Zeugnis sind. Mir ist wichtig, dass ich nicht von sichtbaren Früchten abhängig bin, sonst hätte ich wohl schon lange aufgegeben.

Sie gingen dann nach Südafrika. Warum gerade dorthin?

Die meisten Leute wissen nicht, dass in Südafrika viele Muslime leben. Sie kamen im 17. Jahrhundert als Sklavenarbeiter ins Land. Durch die Apartheid gibt es ganze Quartiere in den Städten, in denen nur Muslime wohnen. Es gibt viele unterschiedliche Gruppierungen: Pakistani, Inder, Malaysier und so weiter.

Sie hatten von der Bibelschule wahrscheinlich viel theoretisches Wissen über den Islam. Was überraschte Sie in den realen Begegnungen mit Muslimen?

Ja, mein Wissen war rein theoretisch. Ich hatte keine Ahnung, wie man in der Praxis mit Muslimen umgeht – das war Neuland. Natürlich hilft kulturelles Hintergrundwissen. Je mehr man weiss, desto besser kann man kommunizieren. Ich merkte aber schnell, dass die Muslime sehr verschieden sind. Der Volksislam ist überall unterschiedlich. Jeder Muslim lebt seinen Glauben wieder etwas anders. Man muss zunächst einfach bereit sein zuzuhören und darüber zu beten, wie Gottes Wort ansetzen kann. Man muss flexibel sein. Das musste ich dann auch erst lernen.

Was mussten sie zum Beispiel lernen?

Die Muslime wissen teilweise gar nicht so viel über ihre eigene Religion. Zum Beispiel bringen sie die fünf Pfeiler des Islam mit den sechs Glaubensartikeln durcheinander. Ich merkte, dass ich nicht alles voraussetzen kann.

Wie gehen sie vor? Welche Fehler haben Sie gemacht?

Mein Ansatz ist, dass ich in erster Linie einfach Fragen stelle und zuhöre. Ich machte anfangs den Fehler, oft alleine Muslime zu besuchen, anstatt zu zweit. Teilweise kam ich dann in die Bedrängnis und wurde von fanatischen Muslimen bedroht. Man muss wissen, wie man mit den Menschen umgeht, damit Freundschaften entstehen können.

Oftmals gehe ich in die Moscheen, um dort mit Muslimen zu reden. Ich mache immer zuerst einen Termin mit dem obersten Moscheeleiter und stelle mich vor. Ich sage zu Anfang klar: «Ich bin daran interessiert, was sie unter der Wahrheit verstehen und möchte bessere Beziehungen herstellen. Aber ich bin auch gerne bereit, zu erklären, was ich unter der Wahrheit verstehe.» Das ist sehr wichtig.

Ich frage: «Was haben sie für Veranstaltungen, bei denen ich als Christ auch dabei sein kann?» Jede Moschee ist wieder anders. Und wenn man nicht fragt, dann weiss man es nicht. Das ist ein zentraler Punkt: Wer nicht fragt, der nimmt Dinge an, die richtig sein können, die aber auch falsch sein können. Man muss aber auch wissen, wo die Grenzen sind. Was mache ich mit und was nicht? Ich ziehe zum Beispiel die Schuhe aus, mache aber die rituelle Waschung und das Gebet nicht mit. Ich sitze hinten und unterhalte mich mit den Leuten. Mit allem, was man als Christ macht, sendet man gewisse Signale an einen Muslim. Wenn ich keine Grenzen setze, dann ist das ein Zeichen für einen schwachen Glauben. Mein Glaube ist dann für sie nicht begehrenswert. Das sind sich viele Christen nicht bewusst.

Oft scheut man sich davor, solche Grenzen zu setzen. Gehen dann die Türen nicht zu?

Meine Erfahrung ist: Wenn ich mich richtig vorstelle, dann habe ich in den meisten Fällen offene Türen. Es gibt viel mehr Moscheen, die offener sind, als man denkt. Zum Beispiel gibt es hier in Zürich eine arabische Moschee mit einer öffentlichen Bibliothek. Zu den Öffnungszeiten kann ich dort jederzeit hingehen und Bücher lesen. Aber es ist wichtig, dass ich die Erlaubnis vom höchsten Moscheeleiter habe. Andere haben einen Laden oder ein Restaurant. Ich habe viele wunderbare Erlebnisse gemacht. In Südafrika ging ich regelmässig in eine Moschee, die eine Koran-Lesegruppe hatte. Dort konnte ich auch selbst viel lernen und habe viel zugehört. Bald wurde ich gefragt: «Was sagt eigentlich die Bibel zu unseren Fragen und Meinungsverschiedenheiten?»

Wer mit Muslimen ins Gespräch kommen will der braucht also ein fundiertes Bibel- aber auch Koranwissen.

Viele Christen kommen zu mir und sagen: «Ich kenne mich nicht gut aus, ich schweige besser.» Aber wir haben keine Ahnung, was wir eventuell in Bewegung setzen, wenn wir einfach den Mut haben, Fragen zu stellen. In meinem Buch habe ich einige Beispielfragen aufgelistet. Um gute Fragen zu stellen, hilft es, wenn man Bescheid weiss, aber man muss kein Experte sein. Als Grundlage kann mein Buch dienen und als Weiterbildung die monatlichen AVC-Islamseminartage in Aarau.

Können Sie ein Beispiel für so eine Begegnung nennen?

Ich war vor einiger Zeit in Zürich und habe einen islamischen Laden besucht. Der Inhaber war aus dem Jemen, er verkaufte Kleidung, Bücher und andere islamische Artikel. Ich fragte ihn einiges über die Dinge, die er verkaufte. Dann fragte ich ihn, warum er fünfmal am Tag bete. Durch einfache Fragen kommen Muslime oft ins Nachdenken und merken, dass der Koran vieles ja gar nicht sagt. Etwa, dass sie fünfmal am Tag beten müssen. Über 70 Prozent von dem, was viele Muslime denken, steht gar nicht im Koran. Das ist oft ein «Augenöffner».

Der Mann im Laden sagte mir am Schluss: «Es freut mich, dass sie als Schweizer zu mir in den Laden kommen.» Er war schon über zwei Jahre in Zürich weil er wissen wollte, was das Christentum ist. In Gesprächen auf der Strasse bekam er das Gefühl, dass die Schweizer ein Problem mit ihrem Glauben haben, es also ein schwacher Glaube ist.

Beobachten Sie die Entwicklung des Islam in Europa mit Sorge?

Ich sehe den Islam eher als eine Herausforderung. Meine Meinung ist, dass Jesus die Wahrheit ist und die Wahrheit bleibt bestehen. Ich sehe für den Islam weltweit eine ähnliche Entwicklung, wie die des Kommunismus: er fällt zusammen. Das Problem sind nicht die vielen Muslime, sondern die christlichen Gemeinden. Wenn Christen den Mut haben, Fragen zu stellen und ihren Glauben klar darzustellen, dann wird sich der Islam weniger ausbreiten.

Ich denke, dass Gott die Muslime nach Europa geschickt hat, weil er will, dass auch sie das Evangelium hören. Die Frage ist: sind wir Christen bereit den Muslime ein Zeugnis zu sein? Sind wir bereit sie aufzunehmen und ihnen eine neue Heimat zu geben? Leider wird oft befürchtet, dass die konvertierten Muslime zusätzliche Probleme erzeugen könnten. Die Gemeinden haben meist genug eigene Probleme. Es gibt nur wenige Gemeinden, die eine Arbeit unter Muslimen etabliert haben. Natürlich muss nicht jeder Christ dazu berufen sein, Muslime zu erreichen. Aber die Gemeinden sollten mit Information und Gebet hinter der Arbeit von denen stehen, die eine Liebe für Muslime haben.

Wie kann eine Schweizer Gemeinde Muslime erreichen?

Zuerst muss die Gemeindeleitung ein «Ja» dazu haben. Ich führe spezielle Kurse für Gemeinden durch und zeige ihnen verschiedene Möglichkeiten, wie sie die Sache angehen können. Dann wird eine Initiativgruppe gegründet, die ein Herz für Muslime hat. Diese Leute werden speziell geschult. Nachher wird eine Strategie entwickelt werden. Die Gemeinde soll regelmässig dafür beten und informiert werden.

Was kann zum Beispiel praktisch unternommen werden?

Man kann Kalender verkaufen, oder Begegnungsgespräche zwischen Christen und Muslimen organisieren. Man kann einen Ausländerabend mit Essen veranstalten, oder man entwickelt einen Fragebogen und besucht Muslime zuhause. Eine Gruppe, die ich kenne, macht Geburtstagsbesuche bei Frauen. Deutschkurse oder Computerkurse können angeboten werden. Es gibt sehr viele Möglichkeiten. Wichtig ist, überhaupt etwas zu machen. Es muss aber nachhaltig sein. Die Begegnungen sollten nicht einmalig bleiben.

Es gibt aber auch die gewalttätige Seite des Islam, den Islamismus. Wie stark muss man diese Gefahr im Hinterkopf haben?

Wenn ich in eine Moschee gehe, dann bin ich mir bewusst, dass dort zum Teil radikale Muslime sind. Aber es ist manchmal einfacher mit ihnen zu reden, als mit den Liberalen. Bei einem radikalen Moslem weiss man, woran man ist. Ich habe keine Berührungsängste und auch keine Angst. Vor allem wenn man einfache Fragen stellt. Fragen stellen kann man sogar in Saudi-Arabien. Wenn ich am Anfang klar sage, was ich glaube, dann haben sie vor mir mehr Respekt, als wenn ich um den heissen Brei herumrede. Sonst denken sie, ich hätte ein Problem mit meinem Glauben.

In Südafrika ging ich vier Jahre lang regelmässig in eine Moschee. Ich habe einfach mit den Menschen gesprochen und für sie gebetet. Dann kam ein muslimischer Freund zu mir: «Andreas, jetzt kommst du schon vier Jahre in die Moschee und bist noch nicht Moslem. Du musst etwas haben, was stärker als der Islam ist. Was ist das? Sag es mir.»

Wir Christen lassen uns zu sehr vom äusserlich starken Glauben vieler Muslime beeindrucken. Aber das ist oft eine Scheinsicherheit. In einer Gruppe zeigt ein Muslim nicht das wahre Gesicht. Aber zu Hause unter vier Augen merke ich, dass sie viel Angst haben. Der Islam ist eine Religion der Angst. Es gibt keine Verheissungen. Man weiss nie, ob Allah jemanden annimmt oder nicht. Allah hat es nicht nötig, Verheissungen zu geben.

Sie arbeiten jetzt seit 2011 bei der Aktion für verfolgte Christen, AVC. Wie kam es dazu?

Der AVC arbeitet in vielen Ländern und vermehrt in islamischen Ländern. Die meisten Länder, in denen Christen verfolgt werden sind islamisch. Man wollte jemanden haben, der sich hier besser auskennt. Darum wurde ich angefragt.

Ich lege grossen Wert darauf, nicht nur theoretische Erfahrung zu haben. Mein Ziel ist es, mindestens eine Begegnung pro Woche mit einem Muslim zu haben. Das erreiche ich nicht immer. Aber ich habe regelmässige Besuche. Das ist wichtig. Die Aktualitäten verändern sich, wie jetzt durch den arabischen Frühling.

Was ist Ihre Aufgabe bei AVC?

Ich veranstalte Vorträge und Seminare im In- und Ausland. Ich betreue Konvertiten und organisiere Begegnungen zwischen Christen und Muslimen. Ich stelle Schulungsmaterial für Christen her. Durch meine Mitarbeit bietet der AVC jetzt aktiv in der Schweiz Seminare zu diesen Themen an. Im Weiteren macht AVC in den Sprachgruppen Nachforschungen, ob mein Buch eine Hilfe für die örtlichen Christen wäre. Wenn ja, dann wird das Buch in deren Sprache übersetzt. Die Begleitung der Übersetzungen des Buches nimmt viel Zeit in Anspruch.

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